Donnerstag – Klassiker, Kultfiguren und der Marathon von Guns N’ Roses
Der Donnerstagmorgen begann mit einer Mischung aus vorsichtigem Optimismus und körperlicher Erschöpfung, denn nach einer ersten Festivalnacht voller Regen, Matsch und improvisierter Camping-Abenteuer hofften viele Besucher darauf, dass sich Wetter und Bodenverhältnisse zumindest kurzfristig stabilisieren würden. Zum ersten Mal seit Festivalbeginn ließ sich die Sonne zeitweise blicken. Der Himmel öffnete sich, die Temperaturen stiegen leicht – und plötzlich wirkte der Holy Ground beinahe freundlich.
Allerdings hielt dieser Eindruck nie lange an. Der Boden blieb eine einzige Schlammlandschaft. Jeder Schritt erforderte Kraft, Konzentration und mitunter akrobatische Fähigkeiten. Die berühmte Frage des Tages lautete nicht mehr „Welche Band schauen wir?“ sondern „Wie kommen wir überhaupt heil dorthin?“.
Trotzdem war die Stimmung auf dem Gelände hervorragend. Vielleicht sogar besser als am Vortag. Denn genau diese absurden Bedingungen schweißten die Menschen sichtbar zusammen.

Wacken als Erlebnis
Abseits der Konzerte präsentierte sich das Festival erneut als gigantisches Paralleluniversum.
Zwischen Wackinger Village, Space Camp, Metal Market und diversen Erlebnisflächen konnte man sich tätowieren lassen, Wikingerkämpfen zusehen, futuristische Installationen besuchen oder sich einfach durch unzählige Food-Stände probieren.
Allerdings zeigte sich hier auch eine der Schwächen des Festivals. Besonders das Space-Camp blieb deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die präsentierten Ausstellungen wirkten teilweise improvisiert und wenig interaktiv. Die angekündigte „Mondfahrt“ entpuppte sich eher als Sandkasten mit ferngesteuerten Fahrzeugen.
Gerade angesichts der sonst enorm hohen Produktionsstandards wirkte dieser Bereich überraschend lieblos.
Catering zwischen Genuss und Wahnsinn
Ebenfalls kontrovers diskutiert wurden die Preise auf dem Gelände.
Natürlich war Wacken nie ein günstiges Festival. Doch 2025 erreichten einige Preisentwicklungen eine Grenze, die selbst hartgesottene Festivalgänger kritisch sahen.
Zwölf Euro für kleine Portionen Bratnudeln, zehn Euro für einen Crêpe oder stark gestiegene Getränkepreise sorgten vielerorts für Frust.
Positiv hervorzuheben blieb jedoch die große Vielfalt. Besonders der Wackinger-Bereich überzeugte erneut mit hochwertigen Angeboten, darunter Handbrot, Barbarenspieße oder vegane Alternativen.
SHANTALLICA und RAUHBEIN bringen Folk-Stimmung
Musikalisch startete der Donnerstag zunächst deutlich entspannter.
SHANTALLICA sorgten auf der Wackinger Stage mit Shanty-Folk und ordentlich Bierlaune für frühe Feiermomente. Gesanglich sicher nicht perfekt, dafür umso sympathischer.
Auch RAUHBEIN lieferten später genau jene Mischung aus Folk-Rock, Mitsingrefrains und rustikaler Festivalstimmung, die perfekt ins Wikinger-Ambiente passte.
Zwischen Met-Ständen, Lederhändlern und Grillgeruch entwickelte sich hier zeitweise eine fast mittelalterliche Volksfestatmosphäre.
BAP überraschen das Publikum
Zu den größten und gleichzeitig emotionalsten Überraschungen des gesamten Donnerstags gehörte ohne jeden Zweifel der Auftritt von BAP, deren Verpflichtung im Vorfeld zwar kontrovers diskutiert worden war, sich auf dem Festivalgelände jedoch schnell als absoluter Glücksgriff entpuppte.
Die Vorstellung, dass Wolfgang Niedecken und seine Band auf dem Wacken Open Air funktionieren könnten, klang zunächst absurd. Doch genau darin lag der Reiz.
Und tatsächlich: Die Kölschrock-Legenden lieferten eines der charmantesten Konzerte des gesamten Festivals.
Mit einem Programm ausschließlich aus Songs, die älter als 40 Jahre waren, präsentierten BAP eine musikalische Zeitreise voller Nostalgie, Wärme und Authentizität.
„Verdamp lang her“ entwickelte sich zu einem emotionalen Höhepunkt. Selbst eingefleischte Metalheads sangen mit, schwenkten Bierbecher und ließen sich sichtbar auf das ungewöhnliche Konzert ein.
Gerade diese Offenheit des Publikums machte den Auftritt so besonders.
MICHAEL SCHENKER und Classic-Rock-Magie
MICHAEL SCHENKER knüpfte anschließend nahtlos an die Classic-Rock-Stimmung an.
Mit ikonischer Flying-V-Gitarre, einem starken Erik Grönwall am Mikrofon und einer Setlist voller Klassiker präsentierte sich die Band in beeindruckender Form.
„Doctor Doctor“, „Lights Out“ oder „Mother Mary“ funktionierten hervorragend. Besonders der Gastauftritt von Slash bei „Mother Mary“ sorgte für Begeisterung.
Das Publikum feierte die klassischen Rock-Hymnen enthusiastisch und bewies erneut, dass Wacken längst kein reines Extreme-Metal-Festival mehr ist.
GRAVE DIGGER feiern 45 Jahre Heavy Metal

Einen weiteren Höhepunkt lieferten GRAVE DIGGER. Die deutschen Heavy-Metal-Veteranen feierten ihr 45-jähriges Bandjubiläum mit einem kompakten, aber enorm starken Set.
Chris Boltendahl präsentierte sich in hervorragender Verfassung, die Band spielte druckvoll und routiniert.
Besonders gelungen war die Songauswahl. Klassiker wie „Heavy Metal Breakdown“, „Rebellion“ oder „Excalibur“ sorgten für massive Publikumsreaktionen.
Die Gastauftritte ehemaliger Mitglieder verliehen dem Konzert zusätzliche emotionale Tiefe.
CLAWFINGER und PRONG liefern 90er-Attitüde
Parallel dazu erinnerten CLAWFINGER und PRONG daran, wie stark die 90er-Jahre den modernen Metal geprägt haben.
CLAWFINGER präsentierten ihren Mix aus Crossover, Nu Metal und provokanter Attitüde mit sichtbarer Spielfreude.
PRONG dagegen wirkten wie eine industrielle Dampfwalze. Tommy Victor und seine Mitstreiter lieferten ein kompromisslos hartes Set voller Groove, Härte und urbaner Aggression.
BENEDICTION zerstören die Headbangers Stage
Eines der brutalsten und gleichzeitig sympathischsten Konzerte des Tages lieferten BENEDICTION.
Die britischen Death-Metal-Urgesteine präsentierten sich in absoluter Topform. Dave Ingram war bestens gelaunt, interagierte permanent mit dem Publikum und führte die Band mit enormer Präsenz durch ein druckvolles Set.
Songs wie „Stormcrow“ oder „Scriptures In Scarlet“ schlugen mit voller Wucht ein.
Der Sound war anfangs etwas basslastig, stabilisierte sich jedoch schnell. Besonders beeindruckend blieb die rohe Energie der Band.
Während viele andere Acts auf große Inszenierungen setzten, konzentrierten sich BENEDICTION ausschließlich auf brutalen Death Metal – und gewannen genau dadurch viele Sympathien.
GUNS N’ ROSES – Zwischen Mythos und Realität
Der mit Abstand größte Gesprächsstoff des Donnerstags blieb jedoch der monumentale Auftritt von GUNS N’ ROSES, auf den viele Besucher bereits seit Monaten hingefiebert hatten und der das komplette Festivalgelände über Stunden hinweg dominieren sollte.
Schon Stunden vor Konzertbeginn war das Infield komplett überfüllt. Die Band stellte mit über dreieinhalb Stunden Spielzeit einen Wacken-Rekord auf.
Musikalisch präsentierte sich die Gruppe erstaunlich solide. Slash war erwartungsgemäß überragend und spielte mit einer Leichtigkeit, die bis heute ihresgleichen sucht.
Axl Rose dagegen polarisierte. Phasenweise wirkte er erstaunlich fit und engagiert, besonders bei Songs wie „November Rain“ oder „You Could Be Mine“. In anderen Momenten kämpfte er sichtbar mit seiner Stimme. Gerade die hohen Passagen gelangen nicht mehr zuverlässig. Dennoch war spürbar, wie sehr sich Rose bemühte, dem Publikum eine würdige Show zu liefern.
Die Setlist blieb gigantisch. „Welcome To The Jungle“, „Nightrain“, „Paradise City“, „Sweet Child O’ Mine“ oder „Civil War“ funktionierten weiterhin hervorragend.
Hinzu kamen emotionale BLACK-SABBATH- und Ozzy-Hommagen, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden.
Problematisch waren dagegen die zahlreichen technischen Schwierigkeiten. Mehrfach kam es zu Tonaussetzern und Problemen im Soundmix.
Auch die enorme Länge des Konzerts erwies sich nicht ausschließlich als Vorteil. Viele Fans verließen das Gelände bereits vor Ende der Show – teilweise erschöpft, teilweise aufgrund der extremen Bedingungen.
Dennoch bleibt festzuhalten: Trotz aller Schwächen war der Auftritt ein Ereignis.
Denn letztlich sah man hier nicht einfach nur eine Band, sondern ein Stück Rockgeschichte.
Black Metal um Mitternacht
Wer nach dem Mammutkonzert noch Kraft hatte, wurde spätabends mit extremeren Klängen belohnt.
1349 verwandelten die W:E:T Stage in ein düsteres Inferno aus Nebel, rotem Licht und rasendem Black Metal.
Die norwegische Band präsentierte sich kompromisslos und technisch beeindruckend. Besonders Drummer Frost demonstrierte erneut, warum er bis heute als einer der besten Extreme-Metal-Schlagzeuger gilt.
Der Donnerstag endete schließlich mit erschöpften Fans, gigantischen Schlammmassen und dem Gefühl, bereits mehrere Festivalwochen erlebt zu haben.
