Wacken Open Air 2012
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Samstag

Schlamm... Das bemerkt auch GAMMA RAY-Mastermind Kai Hansen, der mit seinen Burschen recht pünktlich um 13 Uhr auf dem schlammigen Untergrund eröffnet. 'Dethrone Tyranny', 'Heaven Can Wait', das flotte 'Fight' und der Opener 'Empathy' vom noch aktuellen Werk geben dem Hamburger Auftritt die nötige Prise, zu der sich auch die hin und wieder aufkeimende Sonne gesellt. Mit 'Ride The Sky' und dem nicht mehr wegzudenkenden 'I Want Out' animiert der Wacken-Stammgast zum Mitgrölen und schließt nach viel zu kurzer Spielzeit mit 'Rebellion (on the fuckin' Kuhwiese) und 'Send Me A Sign' den raschen Riffreigen. Ein ordentlicher, wenn gleich auch nicht immens spektakulärer Auftritt.

Das Innenfeld gleicht einem Kriegsfeld, zu dem NAPALM DEATH den Soundtrack à la 'Scum' und 'Nazipunks Fuck Off' liefern. Wie erhofft lassen die Briten eine Grindcore-Keule nach der anderen los, genau das richtige Menü zur Mittagszeit – die Wetten liefen dabei heiß, wie viele Songs die Band wohl in die Spielzeit unterbekommt. Sänger Barney geht voll auf in den Songs, zuckt sich quer über die Bühne und kann das Publikum mit seiner Ruhelosigkeit gekonnt inifizieren. Es gibt Bands, die gehen einfach immer.

PARADISE LOST ist definitiv eine von diesen. Klar klatschen sie einem nach Sonnenuntergang wesentlich mehr den Schinken um die Ohren, doch auch am Nachmittag schafft es Nick Holmes mit seiner Kombo für maximale Melancholie und bittersüße Verstimmung zu sorgen. Nachdem man von der angeblichen Wegfahrsperre des heutigen Tages gehört hat, schleppt man sich durch Schlammpfützen zur Party Stage. Dort angekommen, darf man wählen zwischen waden- und knietief im Dreckstehen. Zum Glück gibt es aber Spaßvögel, die freudig in die Matschhöhlen springen und alle anderen nass spritzen. Juchu, diesen lieben Gesellen wünscht man doch eine gewaltige – ach, ist ja auch egal. Zurück zur Musik: Mit aktuellem Album "Tragic Idol" am Start werden weitere Prachtstücke des Düsterrocks an den Mann gebracht. 'Erased' lässt maximale Gänsehaut aufkommen und 'One Second' uns in tieftraurigen Erinnerungen bzw. Gedanken schwelgen. Wenige Momente nachdem Nick sich freut, dass es nicht mehr regnet, fällt im übrigen erneut Wasser vom Himmel – welch Ironie! Wenn Leiden ein Lächeln auf die Lippen zaubert, dann waren PARADISE LOST am Start.

Mit 'Ghost In The Black' und der Hymne 'Strong As A Rock' gibt es nun eine Stunde Melodic-Rock vom Feinsten. Herr Pell betritt mit seinen Mannen die Bühne und lässt für kurze Zeit das schlechte Wetter vergessen. Neben einem tollen Medley gibt es mit 'Mystica', 'Tear Down The Wall' und dem abschließenden 'Nasty Reputation' AXEL RUDI PELL-Ware erster Güte, auch wenn an manchen Stellen der Sound etwas zu wünschen übrig lässt. Dennoch sitzen die markanten Pell-Riffs und Schattenboxer Johnny Gioeli zeigt einmal mehr, dass er zu einem der charismatischsten und besten seines Faches gehört. Das weiß auch die Masse und entlässt mit Applaus das Quintett in den wohlverdienten Feierabend.

"Die Motherfucker, die!" – SIX FEET UNDER um Tieftöner Chris Barnes schlagen zurück! Da die Sonne wieder scheint, kommen entsprechend viele Metaller aus ihren Löchern vor die Bühne gekrochen. Man kann von den letzten Alben halten was man will: 'Victim Of The Paranoid', 'Human Target', aber auch 'Reckless' vom neuen Album "Undead" oder 'The Day The Dead Walked' überzeugen auf ganzer Linie. Der angepriesene "alte Song" war dann eine große Überraschung: SIX FEET UNDER – übrigens in nahezu komplett neuer Besatzung – spielen tatsächlich 'Hammer Smashed Face' – und das verdammt gut! Den Abschluss macht wie gewohnt das AC/DC-Cover 'TNT'.

Nach 2009 ist es mal wieder soweit: TESTAMENTs Chuck Billy und Co. beginnen pünktlich, die Performance ist ordentlich, der Sound dröhnt wuchtig in die klatschende und von den Thrash-Göttern begeisterte Menge. Mit dem neusten Paukenschlag "Dark Roots On Earth" im Gepäck, welches oft angepriesen wird, werden Stücke wie 'Rise Up', 'True American Hate' und 'More Than Meets The Eye' zum Besten gegeben. Der stimmgewaltige, stets grinsende Frontmann hat die Massen bestens im Griff und die Riffs knallen derbe, sodass auch Klassiker wie das mächtige 'The Preacher' oder 'Into The Pit' nicht zu kurz kommen. So macht Thrash-Metal Spaß, so machen TESTAMENT Spaß.

AMON AMARTH sind ein oft und gern gesehener Gast auf diversen Festivals, so auch hier. Der Platz vor der Bühne ist allerbestens gefüllt, die Wikingerfete kann also starten. Das Intro kommt mit viel Getöse daher und mit entsprechend viel Applaus werden die fünf aus dem hohen Norden begrüßt. Euphorisch wird begonnen, und die Menge tobt – das aber scheinbar nur in den vorderen Reihen. Je weiter man sich von der Bühne entfernt, desto mehr hat man das Gefühl auf einer Sommerparty mit musikalischer Untermalung zu sein. Das liegt aber gar nicht an der Band selber, die gibt sich alle Mühe. Vielmehr ist der irgendwie leise und drucklose wirkende Sound der Ursprung des Übels. Das überträgt sich natürlich auch auf das Publikum, denn wenn man nur nebenbei die Musik hört, wird der Rest der Zeit halt verquatscht. Die Männer oben auf den Brettern stört das natürlich wenig. Die liefern ein Feuerwerk an bekannten und beliebten Hits ab. Mit 'Death In Fire', 'Cry Of The Black Birds' und 'The Pursuit Of The Vikings' bleibt für die Fans kein Wunsch offen. Auch die Feuer- und Pyroeffekte wissen zu gefallen. Die Zugabe besteht aus 'Twilight Of The Thunder God' und 'Guardians Of Asgaard' und bringt so nochmal alle Mitfeiernden komplett zum Ausflippen. Wenn man von den Schwächen beim Sound absieht ein guter Auftritt, mit den Schweden ist halt immer gut feiern.

Ob das nun die vorerst letzte Gelegenheit sein wird die SCORPIONS auf den großen Bühnen zu sehen? Eine geplante Auflösung wird es wohl nun doch nicht geben, jedoch soll auf gehabte Mega-Tourneen verzichtet werden. Voller Vorfreude stürmt man zur True Metal Stage, um sich dieses Spektakel nicht entgehen zu lassen. Die Vorfreude hat sich gelohnt. Die Stimmung gleicht einem Ausnahmezustand, die Männer erfreuen sich bester Laune – auch wenn natürlich eine ordentliche Portion Sentimentalität aufkommt. 'Is There Anybody There?' lässt komische Gefühle in der Magengrube entstehen. Es wird viel gejammt und Feuerwerke hochgejagt – insgesamt ein Fest der Sinne. Doch verstört muss man sich eingestehen, dass am Himmel ein Blitz nach dem anderen abgefeuert wird. Plötzlich zieht ein ganz fieser Wind auf – das war es dann mit der nostalgischen Stimmung. Der Teil des Publikums, der die Möglichkeit hat zu fliehen, ergreift diese. Der Rest und die Wahnsinnigen, die für SCORPIONS dem Weltuntergang trotzen würden, bleiben stehen. Und belohnt werden sie – ein Kracher nach dem anderen wird ausgepackt, jedoch die ganz gewaltigen noch aufgespart. Die gibt es nämlich erst im Zugabeblock. Glücklicherweise hat es nun auch zu regnen aufgehört, sodass die geflohenen Seelen wieder zurück aus ihren Löchern gekrabbelt kommen und sich zu 'Coming Home', 'Still Loving You' und 'Rock You Like A Hurricane' gesellen. Das Besondere: Eine SCORPIONS Statue steht plötzlich auf der Matte zusammen mit Feuer versprühenden Tänzerinnen.

Das dritte Mal dürfen sich die Fans auf dem Wacken nun über einen grandiosen Auftritt von MACHINE HEAD freuen, dem es trotz des Wetters an nichts fehlt. Der Regen ist gerade erst abgeklungenen, doch die harten Metaller stehen von der Bühne bis zu den Ständen im Schlamm und warten gespannt, dass die Neo-Thrasher endlich die Bühne betreten. Sobald der erste Ton von 'I Am Hell' ertönt, beginnt die Menge mitzuklatschen und zu toben – man kann die Spannung wahrlich spüren. Nachdem Robb Flynn zusammen mit McClain, Adam Duce und Phil Demmel die Bühne betritt, ist die Menge kaum noch zu bremsen. 'Are you ready?' hört man Flynn ins Publikum rufen und die Antwort ist eindeutig: Das Publikum ist nun entgültig nicht mehr zu bremsen. In den Instrumental-Parts wird mitgeklatscht und von der Bühne wird dem Publikum mit Flammen zum Song über eine Pyromanin so richtig eingeheizt. Beim zweiten Song 'Old' strömen immer noch Menschen auf den Platz. Es ist zwar nicht gedrängt voll wie man es gewohnt ist, doch für die Schlamm-Wetterverhältnisse ist es mit einem vollen Platz vergleichbar. Den Refrain von 'Imperium' kann man aus der Menge hören und die Metal Horns sehen soweit das Auge reicht. Als nächstes begeistern MACHINE HEAD das Publikum mit einem Song, den sie in Deutschland seit 15 Jahren nicht mehr und auf dem Wacken Open Air noch nie gespielt hatten: 'A Thousand Lies'. Beim Aufruf "Get up!" lässt sich das Publikum nicht zweimal bitten und springt um ihr Leben, was man derartig bei vielen anderen Bands wegen des Matsches kaum beobachten konnte. Eine tolle Show, die wie immer von vorne bis hinten überzeugt!

Setlist:
I Am Hell (Sonata in C#), Old, Imperium, A Thousand lies, Locust, Asthetics of Hate, Darkness Within, This is the End, Halo, Davidian

Würde man nicht bis zu den Knien im Schlamm stecken und dadurch daran gehindert werden sich zu bewegen, würde man bei MINISTRY wohl einfach nach hinten umfallen. Die glückliche Tatsache, dass Al Jourgensen seine einstigen Auflösungspläne nun doch nicht in die Tat umgesetzt hat, ist an dieser Stelle aber gar nicht gemeint. Kopfkino, Neurosen, Mentalkrieg – mit diesen Worten kann man beschreiben, was im Kopf vorgeht, während man die Show der Industrial-Metaller verfolgt. So kann man sich schon einmal dabei erwischen, nicht einen einzigen Blick auf die Bühne zu werfen. Hauptaugenmerk der Show liegt auf den Videoleinwänden, die solch bizarre und zum nachdenken zwingende Szenen zeigen, dass man es um die Uhrzeit schon gar nicht mehr verarbeiten kann. Von Kriegsszenen über sich ihr eigenes Grab schaufelnden Hühnern über Bilder, die letztendlich nur noch aus zusammenhangslosen Szenen und Farbkombinationen bestehen. Extrem gesellschaftskritisch und psychotisch-verstörend. Die neuen Songs der aktuellen Scheibe '99 Percenters' und der Titelsong 'Relapse' flutschen und der Klassiker 'New World Order' ballert einem die Schädeldecke weg. Unfassbar, dass man MINISTRY noch einmal erleben durfte – unfassbar, dass sie solch eine hirnzermarternde Show abgeliefert haben!

Nachdem die Veranstalter sich bedankt haben, ist es nun Zeit für die allerletzte Band und damit für den Überraschungsact. Dieses Jahr haben EDGUY dieses Los gezogen. Doch wo sonst helle Aufregung und Party ist, ist heute gähnende Leere vor der Bühne. Die Leute haben einfach die Schnauze voll. Viele sträuben sich gegen die Empfehlung bis zum Morgen zu warten und nutzen jetzt die Möglichkeit das Gelände zu verlassen. Während ein Großteil also gerade die Autos bepackt und sich mit einer Träne im Auge vom Festival verabschiedet, trällert Tobi "...We never cry for love. We're 'Superheroes'."... ...und so geht das Wacken Open Air 2012 zu Ende – mit der Vorfreude auf trockene Klamotten und der Hoffnung, dass wir nächstes Jahr wettertechnisch etwas mehr Glück haben werden, wenn es nun zum 24. Male heißt "Rain or Shine".
Bestätigt sind bereits DEEP PURPLE, NIGHTWISH, AMORPHIS, DORO, SABATON, RAGE, ANTHRAX, ARCH ENEMY und SUBWAY TO SALLY. Also – see you in 2013!

Wir danken: Holger und dem W:O:A-Team sowie allen, die unsere Arbeit unterstützt haben (you know who you are...).