Wacken Open Air 2012
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Freitag

SACRED REICH entern mit ihrem mehr als charismatischen Frontmann Phil ihr Set mit dem brutalen 'Death Squad', ehe mit 'Love...Hate', dem bestens vorgetragenen 'I Don't Know' und dem Banger 'One Nation' die Massen zum Kochen gebracht werden. Der Sound drückt, die Riffs sitzen wie eine Eins, die Drums fräsen sich tief ins Mark und der sich als Disney-Fan outende Phil legt mit 'Ignorance', 'The American Way' und 'Crimes Against Humanity' einen Brecher nacheinander vor. Beendet wird mit 'Independent' und dem obligatorischen 'Surf Nicaragua'. Das Ami-Quartett wird gefeiert, unterstreicht einmal mehr ihren immensen Status und macht Appetit auf eine durchaus längere Spielzeit.

Es wird dramatisch, episch und anspruchsvoll. Doch die verschwindende Sonne und die drohenden Gewitterwolken verheißen nichts Gutes, so dass nur ein Teil des KAMELOT-Gigs besprochen werden kann, der mit 'Rule The World' und 'Ghost Opera' einen verheißungsvollen Beginn bekommt. Der neue Mann am Mikro, Tommy Karevik, macht derweil einen ordentlichen Eindruck, obwohl ein Roy Khan nur schwer zu ersetzen ist. Eine beachtliche Menge lässt sich von dem drohenden Monsunregen nicht abschrecken und feiert Stücke wie 'Center Of The Universe', das schmissige 'When The Lights Are Down' und 'Forever' klatschend ab. Mit dem Sound gibt es auch nicht annähernd jene Probleme, die den letzten Acker-Auftritt der Amis mit einem faden Beigeschmack würzten. Dafür ist diesmal der Himmel zuständig, obwohl es an der motivierten und engagierten Haltung KAMELOTs nichts auszusetzen gibt. Es wurde also typisch für die Truppe: Denkwürdig.

OVERKILL liefern ein Trommelfeuer erster Güte ab. Mit "The Electric Age" im Gepäck schmiegen sich das eröffnende 'Come And Get It', 'Electric Rattle Snake' und das kraftvolle 'Safe Yourself' bestens ins Songgefüge. Der Sound ist besser und der Boden matschiger als erwartet, dennoch versammelt sich ein Großteil vor der Bühne, um auch alte Klassiker der Marke 'Wrecking Crew', 'Elimination', 'Ironbound' und 'In Union We Stand' zu feiern. 'Hello From The Gutter' und 'Old School' lockern das Set merklich auf, ehe die ambitionierte und bis in die Haarspitzen motivierte Truppe mit 'Rotten To The Core' und dem Statement 'Fuck You' ihre Anhängerschaft entlässt und beinah überall zufriedene Gesichter hinterlässt.

Nun steht erst einmal ein Wolkenbruch auf dem Programm. Nach einer etwa halbstündigen Apokalypse hat sich der Himmel zwar beruhigt, jedoch auch einen ordentlichen Saustall hinterlassen. Ab jetzt beginnt die Schlammparty, die nun von Stunde zu Stunde schlimmer und letzten Endes sogar in einer vermeintlichen Wegfahrsperre enden sollte. THE BOSSHOSS, die heute das WOA Line Up zum dritten Mal verzieren ist mit  Krachern wie 'Rodeo Radio' oder 'Keep on Dancing' ist Fronter Boss Burns selber schon völlig durcheinander: "Wir sind sicher 200.000 Leute hier." Na ja, nicht ganz. Sogar die Zigarettenverkäufer drehen frei als Mundharmonika und Stylophone ausgepackt werden. Ob sich das wohl auch auf die Fans auswirkt oder liegt es an Boss Burns Englisch, dass die Fans immer genau dann jubeln, wenn sie dazu aufgefordert werden still zu sein, und andersherum? Gut, als er verlangt, sich nun in versammelter Mannschaft auf den Boden zu setzen, ist klar, dass alle sich diesem widersetzen – immerhin könnte der Boden nicht aufgeweichter sein. Dann wird eben die bandeigene Kamera ausgepackt und das Volk beim Tanzen aufgenommen – was bei 'Don't Gimme That' auch kein Problem darstellen sollte.

Episch wird es nun mit HAMMERFALL, die genau vor 15 Jahren zum ersten Mal auf dem Wacken Open Air gespielt haben. Pünktlich zum Sonnenuntergang gibt es 'Patient Zero' und 'Heeding the Call', die gleich zu Beginn der Show alles zerfetzen. Es soll ja Auftritte geben, bei denen die Schweden etwas schwächeln. Doch gehört der heutige Auftritt mitnichten dazu. Mit 'Any Means Necessary' und 'Blood Bound' werden sich die Schuppen von der Hirnhaut gerockt und alle Nervenzellen in Schutt und Asche gelegt. Nach diesem Schleudertrauma droht nun eine Zeitreise zurück zum ''Glory to the Brave''-Album, um mit 'Steel Meets Steel' alles zu vernichten. Rauchfontänen steigen auf. Joacim: "Wer sieht HAMMERFALL heute zum ersten Mal? – Was habt ihr denn die letzten 15 Jahre gemacht?" Er erinnert daran, dass die Show im Fernsehen übertragen wird und fordert nun zu einer bahnbrechenden Unterstützung bei 'Let the Hammer Fall' auf! Während sich die Black Stage schon langsam mit DIMMU BORGIR-Neugierigen füllt, kündigt Joacim eine kleine Pause bis 2014 an.

Bereits zum fünften Mal auf dem Wacken, präsentieren DIMMU BORGIR heute zusammen mit dem tschechischen Nationalorchester, inklusive einem Chor, ganz extravagante Versionen ihrer Songs. 'Chess With The Abyss', 'Progenies Of The Great Apocalypse', 'Kings Of The Carneval Creation' und das in Landessprache gehaltene 'Vredysbyrd' kommen sehr monumental. Durch ein reales Orchester können die Songs zum neuen Leben erwachen und entledigen sich von haufenweisen Samples. Dazu ist das Orchester gut in den Gesamtmix integriert, übertönt aber auch nicht die Band – was bestimmt auch kein leichtes Unterfangen war. Den Double-Bass-Overkill bei 'The Chosen Legacy' schafft Drummer Darek "Daray" Brzozowski ohne große Anstrengungen, das griffige 'Puritania' sorgt für fliegende Haare. Experiment gelungen! Bleibt nur zu hoffen, dass die Show auf DVD demnächst zu haben ist.

Abzu IN FLAMES, deren Show heute Abend etwas ganz Großes werden soll. Während das Intro 'Jester's Door' ertönt, sieht man ein Klavier in mittlerer Höhe auf der Bühne. Ein paar Sekunden dauert es, bis man merkt, dass das Klavier nicht in der Luft hängt, sondern einfach nur ein 3D-Effekt ist. Mit dem sich anschließenden 'Cloud Connected' wird der Acker auseinandergenommen. Die Haare werden sich förmlich von der Kopfhaut gebangt. Jedes Wort wird mitgesungen und unfassbar gejubelt. Unbeschreiblich, welche Stimmung hier entsteht! Anders, der heute super drauf ist, einen Witz nach dem anderen reißt und sich vorm Feuer erschreckt, ist gerührt von dem extremen Zuspruch der Fans. Darauf folgt 'Only for the Weak', welches unsagbare Gänsehaut aufkommen lässt, bevor 'Quiet Place' den Laden auseinandernimmt. Fetter Sound, fette Setlist – ein absolut perfekter Auftritt, welcher die Katastrophe von vor zwei Jahren gänzlich vergessen lässt. Man erinnere sich: Damals hatten die Schweden maximale Soundprobleme, welche einem kompletten Desaster gleichkamen.

Grade hört man noch das Intro "Dieser Stern hat sieben Zacken, sieben Funken, sieben Macken", schon betritt IN EXTREMO mit dem gefühlt größten Aufgebot an Flammenwerfern die Bühne und legt gleich richtig los. Wie man es von ihnen kennt, hauen sie einen Kracher nach dem anderen raus, darunter überraschend viele alte Lieder wie 'Omnia Sol Temperat' und die Evergreens 'Spielmannsfluch', 'Küss Mich' und zum Schluss als Abschied 'Villeman Og Magnhild'. Ein gelungener Abschluss für die Black Stage an diesem Tag.

Die kanadischen Powermetaller von KOBRA AND THE LOTUS um Frontfrau Kobra geben sich gegen Mitternacht die Ehre, ihr Wacken-Debut auf der Headbangers Stage zu spielen. Die Band fährt mit einem hohen Energiepotential auf, dazu läuft Madame wie angestochen umher und rotiert wild mit dem Kopf. Sowieso ist die Dame – wie sollte es anders sein – Dreh- und Mittelpunkt des Geschehens, die "Shakira!"-Ausrufe sind durchaus angemessen. Kein Wunder also, dass der Vorraum schnell gefüllt ist. Das Cover von 'Heaven And Hell' kommt richtig gut, aber auch eigene Songs wie '50 Shades Of Evil' werden überzeugend präsentiert und gut aufgenommen. Das selbstbetitelte Debutalbum wurde soeben (03.08.2012) veröffentlicht, wer auf wuchtigen Power Heavy Metal mit einer starken Frontfrau steht, sollte unbedingt reinhören!