Wacken Open Air 2012
images/9J1A9968.jpg

Beitragsseiten

 

Das altbewährte Motto 'Rain or Shine' - treffsicherer hätte es dieses Jahr nicht sein können. Orkanböen, Regen, Schlamm. Doch frei nach dem Motto "Rain or Shine" versucht man auf dem größten Metalfestival der Welt trotz allem maximal die Sau rauszulassen. Bands wie DIMMU BORGIR, SEPULTURA, VOLBEAT, SCORPIONS und MINISTRY, um nur einige der diesjährigen Highlights zu nennen, sollten doch eigentlich auch genug Anlass dazu geben... Oder?

Donnerstag

SKYLINE, die ehemalige Band vom Wacken-Gründer Thomas Jensen spielte 2009 das Eröffnungskonzert und präsentierte mit DORO erstmalig den Song 'We are the Metalheads', welcher seitdem als offizielle Wacken-Hymne gilt. Dieser Auftritt schien solche Wellen zu schlagen, dass sich dadurch eine kleine Tradition entwickeln sollte: Nämlich SKYLINE jedes Jahr als erste Band spielen zu lassen. Verfeinert werden die Auftritte jedes Jahr von Gastmusikern wie eben DORO, Udo Dirkschneider, Tom Angelripper und Co. Gespielt werden Cover von DEEP PURPLE, RAINBOW, RAMMSTEIN und MANOWAR. Highlight: Mit DORO Pesch höchstpersönlich auf der Bühne wird heute ihr neuer Song 'Raise Your Fist In The Air' vertont – die dazugehörige 4-Track EP erscheint am Wacken-Freitag (3. August). Dieser Song feiert im Übrigen dieses Wochenende seine Videopremiere und wird an allen drei Festival-Haupttagen je einmal gezeigt.

SEPULTURA haben sich für ihren Wacken-Auftritt was Spezielles einfallen lassen. Zusammen mit der französischen Percussiongruppe LES TAMBOURS DU BRONX, die bereits mit einigen Rock-/Metal-Acts gemeinsame Sache gemacht haben, geben sie ihren - sowieso sehr rhythmusbetonten - Songs eine besondere Note. So ziert ein gutes Dutzend Blechfässer die Black Stage, mit denen zu Beginn ein grandioses Trommelfeuer zum Besten gegeben wird. SEPULTURA betreten die Bühne und legen mit 'Refuse/Resist' einen grandiosen Start hin. Die bereits wahnsinnige Performance von Drummer Eloy Casagrande wird mit den Blechfässern gut ergänzt und diese durchdacht in die Songs integriert. Zudem können die Trommler durch abgestimmte Schlagabfolgen optische Boni einräumen. Die Brasilianer spielen nicht alle Songs in Kooperation mit den Franzosen, was eine gute Entscheidung war, denn der Blechsound ist dann doch auch etwas anstrengend. 'Mask' vom aktuellen Album "Kairos" ist ein geiler Thrasher, der ordentlich Köpfe abschraubt, 'Territory' wird natürlich gebührend abgefeiert und 'Roots' kommt mit der Percussion noch druckvoller. Insgesamt eine sehr mächtige und kompromisslose Darbietung.

U.D.O. – Urgestein Udo Dirkschneider nicht mehr wegzudenken und prasselt mit seiner Mannschaft und Brechern wie 'Thunderball', 'Leatherhead' und 'Vendetta' einen Riff-Overkill nach dem anderen ab. Trotz Nieselregen blicken viele auf eine begeisternde Mannschaft, die mit 'Princess Of The Dawn', 'Metal Heart' und dem obligatorischen 'Balls To The Wall' auch ACCEPT-Gassenhauer wie keine zweite Institution abfeuert. Udo weiß eben, wie man Massen begeistert und so gefällt sogar die mit DORO vorgetragene Ballade 'Dancing With An Angel' recht gut. 'Animal House' und 'Break The Rules' geben darüber hinaus auch Vollgas und machen ungeheuren Appetit auf die nächsten drölfzig Dekaden an der Seite von U.D.O.

SAXON - Das NWoBHM-Flaggschiff um Biff gehört schon seit Jahren zum festen Inventar der Wacken-Crew und unterstrich in den vergangenen Jahren des öfteren ihren Status als grandiose Live-Band. Davor macht auch der diesjährige Auftritt keinen Halt. Mit einem tollen Sound und reichlich Klassikern im Gepäck ('Heavy Metal Thunder', 'Power & The Glory', 'Dogs Of War', 'Motorcycle Man') gibt das Quintett von Anfang an Vollgas und wird dementsprechend abgefeiert. Für Gänsehaut sorgen schließlich 'Crusader', das kraftvolle 'The Eagle Has Landed' sowie 'Wheels Of Steel', für Staunen wiederum das Drumsolo von Nigel und das Grande Finale, bestehend aus '747 - Strangers In The Night' und 'Princess Of The Night'. Nomen est omen, sodass uns Biff nach einer tollen Show die begeisterte Meute in den wohlverdienten Feierabend entlässt.

CIRCLE II CIRCLE heißen uns erstmal mit einem einstimmenden "Welcome To The Show" willkommen: Time for some Symphonic Power Metal! Die grandiose Stimme von Zak Stevens (Ex-SAVATAGE) zaubert heute viel Gänsehautmomente und lässt keine Wünsche übrig. Die Menge freut sich sichtlich, die Amerikaner zu sehen, viele können jedes Wort mitsingen. Mit 'Wake Of Magellan' oder dem bombastischen 'Morning Sun' schallen große Melodien durch das Zelt, die Fans sind hellauf begeistert. Kurz: Wer auf dem WOA nicht bei CIRCLE II CIRCLE war, hat definitiv was verpasst!

Zeit ist ins Land gezogen und man muss tatsächlich drüber nachdenken, wann man VOLBEAT zum letzten Mal live gesehen hat. Das war vor einiger Zeit noch nicht so, spielten sie doch an jeder Ecke und lähmten damit die Vorfreude jedes Mal ein wenig mehr, was schade ist – was gibt es wohl Schlimmeres als die Lust auf eine hochklassige Band zu verlieren, weil man sie eben schon etliche Male gesehen hat? Doch eine VOLBEAT-Pause tat mehr als gut, sodass man den heutigen Headlinerauftritt in kindlicher Aufregung herbeisehnt. Selbe Show, selbe Sprüche, derselbe Potpourri aus hammermäßigen Krachern wie 'Sad Man's Tongue', 'Radio Girl', 'Still Counting' und so weiter und so fort – nur eben ohne Thomas Bredahl, was ja mittlerweile auch zum Letzten vorgedrungen sein sollte. Doch, warum verändern, wenn es doch genau das ist, was das Publikum liebt? Denkt sich Michael Poulsen auch und präsentiert eine Show, die man auch genauso gut in das Jahr 2019 hätte stecken können. Jedoch: Ein großes Ass packt Sturmfrisur-Michael heute aus, welches den heutigen Auftritt garantiert unvergesslich machen wird. Bei 'Seven Shots' vom aktuellen Album "Beyond Hell / Above Heaven Album" wird es etwas enger auf der Bühne und die Fans trauen ihren Augen nicht als tatsächlich Hank Shermann und Michael Denner (MERCYFUL FATE) und Mille Petrozza (KREATOR) die mächtige Bühne entern – das Publikum rastet komplett aus! Die Wacken-Stierköpfe werden angezündet, es regnet nicht – besser hätte ein VOLBEAT Konzert nicht sein können.


Freitag

SACRED REICH entern mit ihrem mehr als charismatischen Frontmann Phil ihr Set mit dem brutalen 'Death Squad', ehe mit 'Love...Hate', dem bestens vorgetragenen 'I Don't Know' und dem Banger 'One Nation' die Massen zum Kochen gebracht werden. Der Sound drückt, die Riffs sitzen wie eine Eins, die Drums fräsen sich tief ins Mark und der sich als Disney-Fan outende Phil legt mit 'Ignorance', 'The American Way' und 'Crimes Against Humanity' einen Brecher nacheinander vor. Beendet wird mit 'Independent' und dem obligatorischen 'Surf Nicaragua'. Das Ami-Quartett wird gefeiert, unterstreicht einmal mehr ihren immensen Status und macht Appetit auf eine durchaus längere Spielzeit.

Es wird dramatisch, episch und anspruchsvoll. Doch die verschwindende Sonne und die drohenden Gewitterwolken verheißen nichts Gutes, so dass nur ein Teil des KAMELOT-Gigs besprochen werden kann, der mit 'Rule The World' und 'Ghost Opera' einen verheißungsvollen Beginn bekommt. Der neue Mann am Mikro, Tommy Karevik, macht derweil einen ordentlichen Eindruck, obwohl ein Roy Khan nur schwer zu ersetzen ist. Eine beachtliche Menge lässt sich von dem drohenden Monsunregen nicht abschrecken und feiert Stücke wie 'Center Of The Universe', das schmissige 'When The Lights Are Down' und 'Forever' klatschend ab. Mit dem Sound gibt es auch nicht annähernd jene Probleme, die den letzten Acker-Auftritt der Amis mit einem faden Beigeschmack würzten. Dafür ist diesmal der Himmel zuständig, obwohl es an der motivierten und engagierten Haltung KAMELOTs nichts auszusetzen gibt. Es wurde also typisch für die Truppe: Denkwürdig.

OVERKILL liefern ein Trommelfeuer erster Güte ab. Mit "The Electric Age" im Gepäck schmiegen sich das eröffnende 'Come And Get It', 'Electric Rattle Snake' und das kraftvolle 'Safe Yourself' bestens ins Songgefüge. Der Sound ist besser und der Boden matschiger als erwartet, dennoch versammelt sich ein Großteil vor der Bühne, um auch alte Klassiker der Marke 'Wrecking Crew', 'Elimination', 'Ironbound' und 'In Union We Stand' zu feiern. 'Hello From The Gutter' und 'Old School' lockern das Set merklich auf, ehe die ambitionierte und bis in die Haarspitzen motivierte Truppe mit 'Rotten To The Core' und dem Statement 'Fuck You' ihre Anhängerschaft entlässt und beinah überall zufriedene Gesichter hinterlässt.

Nun steht erst einmal ein Wolkenbruch auf dem Programm. Nach einer etwa halbstündigen Apokalypse hat sich der Himmel zwar beruhigt, jedoch auch einen ordentlichen Saustall hinterlassen. Ab jetzt beginnt die Schlammparty, die nun von Stunde zu Stunde schlimmer und letzten Endes sogar in einer vermeintlichen Wegfahrsperre enden sollte. THE BOSSHOSS, die heute das WOA Line Up zum dritten Mal verzieren ist mit  Krachern wie 'Rodeo Radio' oder 'Keep on Dancing' ist Fronter Boss Burns selber schon völlig durcheinander: "Wir sind sicher 200.000 Leute hier." Na ja, nicht ganz. Sogar die Zigarettenverkäufer drehen frei als Mundharmonika und Stylophone ausgepackt werden. Ob sich das wohl auch auf die Fans auswirkt oder liegt es an Boss Burns Englisch, dass die Fans immer genau dann jubeln, wenn sie dazu aufgefordert werden still zu sein, und andersherum? Gut, als er verlangt, sich nun in versammelter Mannschaft auf den Boden zu setzen, ist klar, dass alle sich diesem widersetzen – immerhin könnte der Boden nicht aufgeweichter sein. Dann wird eben die bandeigene Kamera ausgepackt und das Volk beim Tanzen aufgenommen – was bei 'Don't Gimme That' auch kein Problem darstellen sollte.

Episch wird es nun mit HAMMERFALL, die genau vor 15 Jahren zum ersten Mal auf dem Wacken Open Air gespielt haben. Pünktlich zum Sonnenuntergang gibt es 'Patient Zero' und 'Heeding the Call', die gleich zu Beginn der Show alles zerfetzen. Es soll ja Auftritte geben, bei denen die Schweden etwas schwächeln. Doch gehört der heutige Auftritt mitnichten dazu. Mit 'Any Means Necessary' und 'Blood Bound' werden sich die Schuppen von der Hirnhaut gerockt und alle Nervenzellen in Schutt und Asche gelegt. Nach diesem Schleudertrauma droht nun eine Zeitreise zurück zum ''Glory to the Brave''-Album, um mit 'Steel Meets Steel' alles zu vernichten. Rauchfontänen steigen auf. Joacim: "Wer sieht HAMMERFALL heute zum ersten Mal? – Was habt ihr denn die letzten 15 Jahre gemacht?" Er erinnert daran, dass die Show im Fernsehen übertragen wird und fordert nun zu einer bahnbrechenden Unterstützung bei 'Let the Hammer Fall' auf! Während sich die Black Stage schon langsam mit DIMMU BORGIR-Neugierigen füllt, kündigt Joacim eine kleine Pause bis 2014 an.

Bereits zum fünften Mal auf dem Wacken, präsentieren DIMMU BORGIR heute zusammen mit dem tschechischen Nationalorchester, inklusive einem Chor, ganz extravagante Versionen ihrer Songs. 'Chess With The Abyss', 'Progenies Of The Great Apocalypse', 'Kings Of The Carneval Creation' und das in Landessprache gehaltene 'Vredysbyrd' kommen sehr monumental. Durch ein reales Orchester können die Songs zum neuen Leben erwachen und entledigen sich von haufenweisen Samples. Dazu ist das Orchester gut in den Gesamtmix integriert, übertönt aber auch nicht die Band – was bestimmt auch kein leichtes Unterfangen war. Den Double-Bass-Overkill bei 'The Chosen Legacy' schafft Drummer Darek "Daray" Brzozowski ohne große Anstrengungen, das griffige 'Puritania' sorgt für fliegende Haare. Experiment gelungen! Bleibt nur zu hoffen, dass die Show auf DVD demnächst zu haben ist.

Abzu IN FLAMES, deren Show heute Abend etwas ganz Großes werden soll. Während das Intro 'Jester's Door' ertönt, sieht man ein Klavier in mittlerer Höhe auf der Bühne. Ein paar Sekunden dauert es, bis man merkt, dass das Klavier nicht in der Luft hängt, sondern einfach nur ein 3D-Effekt ist. Mit dem sich anschließenden 'Cloud Connected' wird der Acker auseinandergenommen. Die Haare werden sich förmlich von der Kopfhaut gebangt. Jedes Wort wird mitgesungen und unfassbar gejubelt. Unbeschreiblich, welche Stimmung hier entsteht! Anders, der heute super drauf ist, einen Witz nach dem anderen reißt und sich vorm Feuer erschreckt, ist gerührt von dem extremen Zuspruch der Fans. Darauf folgt 'Only for the Weak', welches unsagbare Gänsehaut aufkommen lässt, bevor 'Quiet Place' den Laden auseinandernimmt. Fetter Sound, fette Setlist – ein absolut perfekter Auftritt, welcher die Katastrophe von vor zwei Jahren gänzlich vergessen lässt. Man erinnere sich: Damals hatten die Schweden maximale Soundprobleme, welche einem kompletten Desaster gleichkamen.

Grade hört man noch das Intro "Dieser Stern hat sieben Zacken, sieben Funken, sieben Macken", schon betritt IN EXTREMO mit dem gefühlt größten Aufgebot an Flammenwerfern die Bühne und legt gleich richtig los. Wie man es von ihnen kennt, hauen sie einen Kracher nach dem anderen raus, darunter überraschend viele alte Lieder wie 'Omnia Sol Temperat' und die Evergreens 'Spielmannsfluch', 'Küss Mich' und zum Schluss als Abschied 'Villeman Og Magnhild'. Ein gelungener Abschluss für die Black Stage an diesem Tag.

Die kanadischen Powermetaller von KOBRA AND THE LOTUS um Frontfrau Kobra geben sich gegen Mitternacht die Ehre, ihr Wacken-Debut auf der Headbangers Stage zu spielen. Die Band fährt mit einem hohen Energiepotential auf, dazu läuft Madame wie angestochen umher und rotiert wild mit dem Kopf. Sowieso ist die Dame – wie sollte es anders sein – Dreh- und Mittelpunkt des Geschehens, die "Shakira!"-Ausrufe sind durchaus angemessen. Kein Wunder also, dass der Vorraum schnell gefüllt ist. Das Cover von 'Heaven And Hell' kommt richtig gut, aber auch eigene Songs wie '50 Shades Of Evil' werden überzeugend präsentiert und gut aufgenommen. Das selbstbetitelte Debutalbum wurde soeben (03.08.2012) veröffentlicht, wer auf wuchtigen Power Heavy Metal mit einer starken Frontfrau steht, sollte unbedingt reinhören!


Samstag

Schlamm... Das bemerkt auch GAMMA RAY-Mastermind Kai Hansen, der mit seinen Burschen recht pünktlich um 13 Uhr auf dem schlammigen Untergrund eröffnet. 'Dethrone Tyranny', 'Heaven Can Wait', das flotte 'Fight' und der Opener 'Empathy' vom noch aktuellen Werk geben dem Hamburger Auftritt die nötige Prise, zu der sich auch die hin und wieder aufkeimende Sonne gesellt. Mit 'Ride The Sky' und dem nicht mehr wegzudenkenden 'I Want Out' animiert der Wacken-Stammgast zum Mitgrölen und schließt nach viel zu kurzer Spielzeit mit 'Rebellion (on the fuckin' Kuhwiese) und 'Send Me A Sign' den raschen Riffreigen. Ein ordentlicher, wenn gleich auch nicht immens spektakulärer Auftritt.

Das Innenfeld gleicht einem Kriegsfeld, zu dem NAPALM DEATH den Soundtrack à la 'Scum' und 'Nazipunks Fuck Off' liefern. Wie erhofft lassen die Briten eine Grindcore-Keule nach der anderen los, genau das richtige Menü zur Mittagszeit – die Wetten liefen dabei heiß, wie viele Songs die Band wohl in die Spielzeit unterbekommt. Sänger Barney geht voll auf in den Songs, zuckt sich quer über die Bühne und kann das Publikum mit seiner Ruhelosigkeit gekonnt inifizieren. Es gibt Bands, die gehen einfach immer.

PARADISE LOST ist definitiv eine von diesen. Klar klatschen sie einem nach Sonnenuntergang wesentlich mehr den Schinken um die Ohren, doch auch am Nachmittag schafft es Nick Holmes mit seiner Kombo für maximale Melancholie und bittersüße Verstimmung zu sorgen. Nachdem man von der angeblichen Wegfahrsperre des heutigen Tages gehört hat, schleppt man sich durch Schlammpfützen zur Party Stage. Dort angekommen, darf man wählen zwischen waden- und knietief im Dreckstehen. Zum Glück gibt es aber Spaßvögel, die freudig in die Matschhöhlen springen und alle anderen nass spritzen. Juchu, diesen lieben Gesellen wünscht man doch eine gewaltige – ach, ist ja auch egal. Zurück zur Musik: Mit aktuellem Album "Tragic Idol" am Start werden weitere Prachtstücke des Düsterrocks an den Mann gebracht. 'Erased' lässt maximale Gänsehaut aufkommen und 'One Second' uns in tieftraurigen Erinnerungen bzw. Gedanken schwelgen. Wenige Momente nachdem Nick sich freut, dass es nicht mehr regnet, fällt im übrigen erneut Wasser vom Himmel – welch Ironie! Wenn Leiden ein Lächeln auf die Lippen zaubert, dann waren PARADISE LOST am Start.

Mit 'Ghost In The Black' und der Hymne 'Strong As A Rock' gibt es nun eine Stunde Melodic-Rock vom Feinsten. Herr Pell betritt mit seinen Mannen die Bühne und lässt für kurze Zeit das schlechte Wetter vergessen. Neben einem tollen Medley gibt es mit 'Mystica', 'Tear Down The Wall' und dem abschließenden 'Nasty Reputation' AXEL RUDI PELL-Ware erster Güte, auch wenn an manchen Stellen der Sound etwas zu wünschen übrig lässt. Dennoch sitzen die markanten Pell-Riffs und Schattenboxer Johnny Gioeli zeigt einmal mehr, dass er zu einem der charismatischsten und besten seines Faches gehört. Das weiß auch die Masse und entlässt mit Applaus das Quintett in den wohlverdienten Feierabend.

"Die Motherfucker, die!" – SIX FEET UNDER um Tieftöner Chris Barnes schlagen zurück! Da die Sonne wieder scheint, kommen entsprechend viele Metaller aus ihren Löchern vor die Bühne gekrochen. Man kann von den letzten Alben halten was man will: 'Victim Of The Paranoid', 'Human Target', aber auch 'Reckless' vom neuen Album "Undead" oder 'The Day The Dead Walked' überzeugen auf ganzer Linie. Der angepriesene "alte Song" war dann eine große Überraschung: SIX FEET UNDER – übrigens in nahezu komplett neuer Besatzung – spielen tatsächlich 'Hammer Smashed Face' – und das verdammt gut! Den Abschluss macht wie gewohnt das AC/DC-Cover 'TNT'.

Nach 2009 ist es mal wieder soweit: TESTAMENTs Chuck Billy und Co. beginnen pünktlich, die Performance ist ordentlich, der Sound dröhnt wuchtig in die klatschende und von den Thrash-Göttern begeisterte Menge. Mit dem neusten Paukenschlag "Dark Roots On Earth" im Gepäck, welches oft angepriesen wird, werden Stücke wie 'Rise Up', 'True American Hate' und 'More Than Meets The Eye' zum Besten gegeben. Der stimmgewaltige, stets grinsende Frontmann hat die Massen bestens im Griff und die Riffs knallen derbe, sodass auch Klassiker wie das mächtige 'The Preacher' oder 'Into The Pit' nicht zu kurz kommen. So macht Thrash-Metal Spaß, so machen TESTAMENT Spaß.

AMON AMARTH sind ein oft und gern gesehener Gast auf diversen Festivals, so auch hier. Der Platz vor der Bühne ist allerbestens gefüllt, die Wikingerfete kann also starten. Das Intro kommt mit viel Getöse daher und mit entsprechend viel Applaus werden die fünf aus dem hohen Norden begrüßt. Euphorisch wird begonnen, und die Menge tobt – das aber scheinbar nur in den vorderen Reihen. Je weiter man sich von der Bühne entfernt, desto mehr hat man das Gefühl auf einer Sommerparty mit musikalischer Untermalung zu sein. Das liegt aber gar nicht an der Band selber, die gibt sich alle Mühe. Vielmehr ist der irgendwie leise und drucklose wirkende Sound der Ursprung des Übels. Das überträgt sich natürlich auch auf das Publikum, denn wenn man nur nebenbei die Musik hört, wird der Rest der Zeit halt verquatscht. Die Männer oben auf den Brettern stört das natürlich wenig. Die liefern ein Feuerwerk an bekannten und beliebten Hits ab. Mit 'Death In Fire', 'Cry Of The Black Birds' und 'The Pursuit Of The Vikings' bleibt für die Fans kein Wunsch offen. Auch die Feuer- und Pyroeffekte wissen zu gefallen. Die Zugabe besteht aus 'Twilight Of The Thunder God' und 'Guardians Of Asgaard' und bringt so nochmal alle Mitfeiernden komplett zum Ausflippen. Wenn man von den Schwächen beim Sound absieht ein guter Auftritt, mit den Schweden ist halt immer gut feiern.

Ob das nun die vorerst letzte Gelegenheit sein wird die SCORPIONS auf den großen Bühnen zu sehen? Eine geplante Auflösung wird es wohl nun doch nicht geben, jedoch soll auf gehabte Mega-Tourneen verzichtet werden. Voller Vorfreude stürmt man zur True Metal Stage, um sich dieses Spektakel nicht entgehen zu lassen. Die Vorfreude hat sich gelohnt. Die Stimmung gleicht einem Ausnahmezustand, die Männer erfreuen sich bester Laune – auch wenn natürlich eine ordentliche Portion Sentimentalität aufkommt. 'Is There Anybody There?' lässt komische Gefühle in der Magengrube entstehen. Es wird viel gejammt und Feuerwerke hochgejagt – insgesamt ein Fest der Sinne. Doch verstört muss man sich eingestehen, dass am Himmel ein Blitz nach dem anderen abgefeuert wird. Plötzlich zieht ein ganz fieser Wind auf – das war es dann mit der nostalgischen Stimmung. Der Teil des Publikums, der die Möglichkeit hat zu fliehen, ergreift diese. Der Rest und die Wahnsinnigen, die für SCORPIONS dem Weltuntergang trotzen würden, bleiben stehen. Und belohnt werden sie – ein Kracher nach dem anderen wird ausgepackt, jedoch die ganz gewaltigen noch aufgespart. Die gibt es nämlich erst im Zugabeblock. Glücklicherweise hat es nun auch zu regnen aufgehört, sodass die geflohenen Seelen wieder zurück aus ihren Löchern gekrabbelt kommen und sich zu 'Coming Home', 'Still Loving You' und 'Rock You Like A Hurricane' gesellen. Das Besondere: Eine SCORPIONS Statue steht plötzlich auf der Matte zusammen mit Feuer versprühenden Tänzerinnen.

Das dritte Mal dürfen sich die Fans auf dem Wacken nun über einen grandiosen Auftritt von MACHINE HEAD freuen, dem es trotz des Wetters an nichts fehlt. Der Regen ist gerade erst abgeklungenen, doch die harten Metaller stehen von der Bühne bis zu den Ständen im Schlamm und warten gespannt, dass die Neo-Thrasher endlich die Bühne betreten. Sobald der erste Ton von 'I Am Hell' ertönt, beginnt die Menge mitzuklatschen und zu toben – man kann die Spannung wahrlich spüren. Nachdem Robb Flynn zusammen mit McClain, Adam Duce und Phil Demmel die Bühne betritt, ist die Menge kaum noch zu bremsen. 'Are you ready?' hört man Flynn ins Publikum rufen und die Antwort ist eindeutig: Das Publikum ist nun entgültig nicht mehr zu bremsen. In den Instrumental-Parts wird mitgeklatscht und von der Bühne wird dem Publikum mit Flammen zum Song über eine Pyromanin so richtig eingeheizt. Beim zweiten Song 'Old' strömen immer noch Menschen auf den Platz. Es ist zwar nicht gedrängt voll wie man es gewohnt ist, doch für die Schlamm-Wetterverhältnisse ist es mit einem vollen Platz vergleichbar. Den Refrain von 'Imperium' kann man aus der Menge hören und die Metal Horns sehen soweit das Auge reicht. Als nächstes begeistern MACHINE HEAD das Publikum mit einem Song, den sie in Deutschland seit 15 Jahren nicht mehr und auf dem Wacken Open Air noch nie gespielt hatten: 'A Thousand Lies'. Beim Aufruf "Get up!" lässt sich das Publikum nicht zweimal bitten und springt um ihr Leben, was man derartig bei vielen anderen Bands wegen des Matsches kaum beobachten konnte. Eine tolle Show, die wie immer von vorne bis hinten überzeugt!

Setlist:
I Am Hell (Sonata in C#), Old, Imperium, A Thousand lies, Locust, Asthetics of Hate, Darkness Within, This is the End, Halo, Davidian

Würde man nicht bis zu den Knien im Schlamm stecken und dadurch daran gehindert werden sich zu bewegen, würde man bei MINISTRY wohl einfach nach hinten umfallen. Die glückliche Tatsache, dass Al Jourgensen seine einstigen Auflösungspläne nun doch nicht in die Tat umgesetzt hat, ist an dieser Stelle aber gar nicht gemeint. Kopfkino, Neurosen, Mentalkrieg – mit diesen Worten kann man beschreiben, was im Kopf vorgeht, während man die Show der Industrial-Metaller verfolgt. So kann man sich schon einmal dabei erwischen, nicht einen einzigen Blick auf die Bühne zu werfen. Hauptaugenmerk der Show liegt auf den Videoleinwänden, die solch bizarre und zum nachdenken zwingende Szenen zeigen, dass man es um die Uhrzeit schon gar nicht mehr verarbeiten kann. Von Kriegsszenen über sich ihr eigenes Grab schaufelnden Hühnern über Bilder, die letztendlich nur noch aus zusammenhangslosen Szenen und Farbkombinationen bestehen. Extrem gesellschaftskritisch und psychotisch-verstörend. Die neuen Songs der aktuellen Scheibe '99 Percenters' und der Titelsong 'Relapse' flutschen und der Klassiker 'New World Order' ballert einem die Schädeldecke weg. Unfassbar, dass man MINISTRY noch einmal erleben durfte – unfassbar, dass sie solch eine hirnzermarternde Show abgeliefert haben!

Nachdem die Veranstalter sich bedankt haben, ist es nun Zeit für die allerletzte Band und damit für den Überraschungsact. Dieses Jahr haben EDGUY dieses Los gezogen. Doch wo sonst helle Aufregung und Party ist, ist heute gähnende Leere vor der Bühne. Die Leute haben einfach die Schnauze voll. Viele sträuben sich gegen die Empfehlung bis zum Morgen zu warten und nutzen jetzt die Möglichkeit das Gelände zu verlassen. Während ein Großteil also gerade die Autos bepackt und sich mit einer Träne im Auge vom Festival verabschiedet, trällert Tobi "...We never cry for love. We're 'Superheroes'."... ...und so geht das Wacken Open Air 2012 zu Ende – mit der Vorfreude auf trockene Klamotten und der Hoffnung, dass wir nächstes Jahr wettertechnisch etwas mehr Glück haben werden, wenn es nun zum 24. Male heißt "Rain or Shine".
Bestätigt sind bereits DEEP PURPLE, NIGHTWISH, AMORPHIS, DORO, SABATON, RAGE, ANTHRAX, ARCH ENEMY und SUBWAY TO SALLY. Also – see you in 2013!

Wir danken: Holger und dem W:O:A-Team sowie allen, die unsere Arbeit unterstützt haben (you know who you are...).