Wacken Open Air 2011
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FREITAG - 05. August 2011

Um 12 Uhr mittags haben sich zu ENSIFERUM mehr Fans vor der Black Stage eingefunden als erwartet. Metal-Fans sind eben hart im Nehmen. Der mitreißende Viking Metal gibt den Fans die ideale Gelegenheit, den Hangover einfach wegzubangen. Das ist auch nötig, denn die Crowdsurfer wollen bereits zu 'Twilight Tavern' getragen werden, die Security hat jede Menge zu tun. Die Finnen sind anscheinend nicht verkatert und heizen die Fans nach Kräften an. Diese singen ordentlich mit. ENSIFERUM schaffen es immer noch, sich mit jedem Auftritt zu steigern; ihr Weg führt weiter steil nach oben. Die Musiker flitzen über die Bühne und preisen das 'Stone Cold Metal' – "High Noon" lässt grüßen!

Den etwas undankbaren Posten des Freitags-Openers auf der Party-Stage müssen die Herren von PRIMAL FEAR übernehmen. Doch erfüllt die Truppe um Bandkopf Mat Sinner diese Aufgabe tadellos. Nach einem schier endlos langen Intro stampft das Quintett mit 'Sign Of Fear' und einer gehörigen Portion Motivation auf die Bühne, um die teils noch müden Gesichter vor der Stage mit ihrem schnörkellosen Power Metal zu wecken. Die Masse füllt sich mehr und mehr und wird derweil mit Perlen wie 'Chainbreaker' und 'Battalions Of Hate' unterhalten. Die Schwaben bieten ihren Fans mit 'Six Times Dead (16.6)', 'Seven Seals' und 'Final Embrace' derweil einen Auftritt, der beinahe jegliche Veröffentlichung aus dem Backkatalog abdeckt. Der mehr als passable Sound, die für diese Stunde vorbildliche Stimmung vor der Bühne, sowie die abschließende Hymne 'Metal Is Forever' runden diesen geglückten Auftritt ab.

SUICIDAL TENDENCIES haben heute definitiv den Exotenbonus, sie locken etliche Interessierte und Anhänger vor die Bühne, die vom Groove sofort gefangen genommen werden. Extrem tight und groovend zocken sich die Südkalifornier mit einem omnipräsentem Bass durch die folgenden 60 Minuten. Energieladen von Anfang bis Ende locken sie immer mehr Zuschauer in die Menge und zeigen, dass Thrash, Hardcore, Funk und Rap gut zusammen passen.

So ambivalent das neue Album "Illud Divinum Insanus" sein mag, so gespannt bin ich auf die Show der US-Deather MORBID ANGEL. Aber überrascht bin ich nicht, dass besagtes Werk mit nur einem Song bedacht wird. Passend kreist ein Flugzeug über das Festival mit einem 'I Am Morbid'-Banner. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die Menge zu einem großen Moshpit, Drummer Tim Yeung liefert einen Highspeed-Rekord nach dem anderen. MORBID ANGEL überzeugen mit einer energiegeladenen Show und einer starken Setlist.

Welchen Aufschwung die A-Capella-Truppe von VAN CANTO in den vergagngenen Jahren verbuchte, ist beachtlich, wodurch es nicht verwundert, dass die fünf Sänger samt Schlagzeug nun auf der Party Stage Platz nehmen. Der Platz vor der Bühne ist rappelvoll, als die stimmgewaltigen Herrschaften ihr Set mit 'Wishmaster', 'Rebellion' und 'Primo Victoria' einläuten. Doch parallel zu einer Größe wie MORBID ANGEL zu "kämpfen", erweist sich als schwierig, da man auch unmittelbar vor der Party Stage den Sound der Florida-Deather mitbekommt. Das frisch wirkende Sextett stört sich daran jedoch nicht und zieht ihr leider etwas uninspiriertes Programm weiter durch. Die Menge feiert dennoch, hat sichtlich ihren Spaß und grölt All-Time-Klassiker wie 'The Bard's Song', 'Master Of Puppets', 'Kings Of Metal' und 'Fear Of The Dark' lautstark mit. Den Fans hat es gefallen und das ist die Hauptsache.

Dass eine Thrash-Legende wie SODOM solch einen frühen und relativ kurzen Slot erhält, ist die eine Sache. Dass sie mit solch einem matschigen Sound, der sich um 15:45 Uhr auf der True Metal Stage bietet, gesegnet wird, jedoch eine andere. Dieses schwerwiegende Problem bietet sich Herrn Angelripper samt seinen Mannen leider ab dem ersten Ton des eröffnenden 'In War And Pieces'. Das Trio bemüht sich sichtlich, die Thrash-hungrige Meute mit Stücken wie 'The Vice Of Killing', 'Outbreak Of Evil', sowie dem unnachahmlichen 'The Saw Is The Law' zu bewegen, kann den Sound-Malus jedoch nicht ausgleichen. 'I Am The War', sowie 'M-16' gehen zwar tief ins Mark, 'Agent Orange' kann auch den einen oder anderen Nackenwirbel reizen und mit 'Blasphemer', sowie 'Bombenhagel' machen SODOM keine Gefangenen. Die massiven Soundprobleme, sowie der Wegfall DER SODOM-Hymne schlechthin, 'Ausgebombt', hinterlassen bei vielen Anwesenden einen faden Beigeschmack. Da ist man eindeutig Besseres von den Ruhrpottlern gewohnt. Sehr schade.

Weiter geht's mit Metalcore aus dem Amiland: AS I LAY DYING haben ihren Stil in den vergangen Jahren immer mehr zum Metal hin ausgerichtet – das kommt ihnen heute zu Gute, denn vor der Bühne stehen nicht nur Kids, sondern auch ein paar ältere Fans und sogar die Schlümpfe feiern weiter hinten eine kleine Party. Mit 'Within Destruction' starten sie rasant in ihren Gig und vor der Bühne bricht gleich der erste Moshpit aus.
Sänger Tim Lambesis flitzt über die Bühne und auch seine Bandkollegen heizen das Publikum an. Mit 'An Ocean Between Us' wird es besinnlich – das Highlight des Auftritts. AS I LAY DYING steigern sich kontinuierlich und immer mehr Zuschauer feiern mit. Die Amis überzeugen nach und nach auch das Metal-Lager und beweisen, dass ihr Erfolg nicht nur eine Momentaufnahme der Emobewegung ist, sondern dass sie auch Musik für Erwachsene machen können. Das Quintett bedankt sich immer wieder und fordert das Publikum auf, sich auch noch die folgenden befreundeten Bands TRIVIUM und HEAVEN SHALL BURN anzuschauen. Ein sympathischer Auftritt, bei dem AS I LAY DYING bestimmt viele Fans dazugewonnen haben.

Noch bevor TRIVIUM am frühen Abend die True Metal Stage betreten haben, ziehen sie mittels des trist-dramatischen Klavierintros 'Capsizing the Sea' das Publikum mit düsterer Harmonie in ihren Bann. Mit dem Titelsong des just an diesem Tag erschienenen Albums 'In Waves' geht es dann brachial los.
"Move your fucking ass!" – das lassen sich die Fans nicht zweimal sagen. Das Thrash/Death-Metal/Hardcore-Kollektiv aus Orlando/Florida geht sichtlich mit Spaß zu Werke, und das steckt an. Es folgen 'A Gunshot To The Head Of Trepidation' und 'Dusk Dismantled', bei dem die Band gesanglich lautstark vom Publikum unterstützt wird. Bei 'The Deceived' bilden sich die ersten Circlepits. Die Gitarrensoli sind klar, die Riffs brutal, die hymnischen Chorgesänge von Sänger Matthew und Bassist Paolo stimmig. Matt heizt dem Publikum – teils auf Deutsch – gutgelaunt ein. Den krönenden Abschluss bildet 'Throes Of Perdition' vom Album "Shogun", bei dem die Menge dem Befehl "fucking explode!" sofort nachkommt. Dieser Auftritt hat einfach Spaß gemacht. TRIVIUM, die mit ihrem neuen Album zeigen, wie vielseitig Metal sein kann, haben heute bewiesen, dass sie live überzeugen und mitreißen.

MORGOTH ist heute nicht mehr jedem ein Begriff, war Anfang der Neunziger aber der wohl wichtigste deutsche Death-Metal-Act, der auch international von sich reden machte. Aufgelöst 1998, hat die Band 20 Jahre nach dem Release der ersten LP "Cursed" (1991) für eine Reihe von Jubiläums-Auftritten wieder zusammengefunden. Außer Sänger Marc Grewe sind vom damaligen Line-Up Harald Busse (Gitarre) und Sebastian Swart (damals Bass, jetzt ebenfalls Gitarre) dabei. Bass und Drums sind neu besetzt. Geboten werden zu Songs der "Cursed" vor allem die der EPs "Resurrection Absurd" (1989) und "The Eternal Fall" (1990). Die vom Death Metal schon etwas entfernte "Odium" (1993) ist nur mit 'Resistance' und 'Under the Surface' vertreten, der Stilbruch "Feel Sorry For The Fanatic" (1996) überhaupt nicht. Fans der ersten Stunde kommen also voll auf ihre Kosten. Das gilt nicht nur für die Songauswahl mit Krachern wie 'Burnt Identity' oder 'Sold Baptism': Sound und Spielfertigkeit sind tadellos, das Tempo wird teils weit genauer gehalten als auf den EP-Studioaufnahmen. Da stört es dann auch kaum, dass das vor allem bei 'White Gallery' prägnante Keyboard fehlt. Das eher jüngere Publikum zeigt entsprechend positive Reaktionen. Marc Grewe sorgt nebenbei für Belustigung, als er bei einer Ansage rückwärts über einen Monitor fällt. Sei's drum, zu seinem Ausspruch "MORGOTH are back" kann man nur sagen: und wie!

Als die ersten Töne erklingen, der Banner niederfällt und die Briten mit 'Rapid Fire' zu ihrem mehr als zweistündigen Siegeszug ansetzen, merkt das Publikum, dass eine besondere Nacht und der in meinen Augen beste Headliner, den dieses Festival jemals sah, die Bühne entert. Niemand Geringeres als JUDAS PRIEST werden heute die Nostalgie und den Glanz der glorreichen Achtzigerjahre wieder beleben. Bereits zu Beginn wirkt "Metal God" Rob Halford stimmlich sehr gut in Form, obwohl er sich von den hohen Tönen fernhält. Trotzdem merkt man ihm sein Alter nicht an und auch der Rest der Mannschaft hat sichtlich Spaß und feuert Brecher wie 'Metal Gods', 'Heading Out To The Highway' oder das exzellente 'Judas Is Rising' in die beeindruckte Menge. Downing-Ersatz Faulkner wirkt zu keiner Sekunde fehl am Platz und präsentiert sich als gleichwertiger Ersatz.
Der Zauber, den Hits wie 'Starbreaker', 'Victim Of Changes' oder das sowohl balladesk, als auch rockig vorgetragene 'Diamonds & Rust' hervorrufen, ist greifbar und wird durch die Abbildungen entsprechender Coverartworks im Hintergrund nur verdeutlicht. Das Publikum kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie kurzweilig 42 Jahre purer Heavy-Metal sein kann. 'Nostradamus', 'Night Crawler', 'Turbo Lover' und 'The Green Manalishi' werden durch ein mystisches Bühnenlicht aus Lasern verzaubert und lassen jedem Anwesenden eine Gänsehaut aufkommen. Rob bedankt sich häufig und unterstreicht, welche Freude es für die Band ist, zum ersten Mal auf der Wacken-Bühne zu stehen. 'Breaking The Law' wird komplett vom Publikum gesungen, 'Painkiller' macht seinem Namen auch live alle Ehre und 'Electric Eye' hat in all den Jahren nichts von seinem Glanz verloren. Dass die Harley bei 'Hell Bent For Leather' nicht fehlen darf ist ebenso selbstverständlich, wie dieses glorreiche Set mit 'You’ve Got Another Thing Comin'' und 'Living After Midnight' zu beenden. Ein denkwürdiger Auftritt, bei dem die Briten ihren Legendenstatus mehr als gerecht werden.

Hinter TRIPTYKON verbirgt sich das neue Projekt des Ex-CELTIC FROST-Masterminds Tom Warriors, entsprechend finden sich viele CELTIC FROST-Songs in der Setlist wieder, aber auch ihre LP "Eparistera Daimones" wird berücksichtigt. Kühl, tonnenschwer, extrem zermürbend und groovend drückt die meterdicke Gitarren-, Bass- und Schlagzugwand gegen Mitternacht auf die anwesenden Jünger nieder. Immer mehr bleiben stehen, um das Spektakel aus der Nähe mitzuerleben. Ein mehr als würdiger Ersatz für CRADLE OF FILTH, die im Vorfeld abgesagt hatten.

Auf der Party Stage lässt John Garcia den Mythos auferstehen: KYUSS LIVES! verbreiten mit ihrem Stoner Rock Gänsehautatmosphäre – Licht- und Nebelshow tun ihr Übriges dazu. Garcia verliert während des gesamten Auftritts kein Wort an die Anhänger, doch er und seine Mitstreiter heizen die Fans trotzdem mit Gesten an. Scott Reeder ersetzt den kürzlich verhafteten Nick Oliveri am Bass bestens. Tief tönt die Musik aus den Boxen und die rhythmusbetonten Melodien legen sich wie ein großer Teppich über den Platz. Die starken Gitarrensoli kommen dank bestens abgemischten Sound perfekt rüber und setzen Akzente. Mission geglückt: Der Mythos lebt!

Als Geheimtipp werden die Waliser SKINDRED gehandelt. Ihre Mischung aus Reggae, Metal, Hip Hop und Punk lässt das Zelt der W.E.T. Stage beben. Von vorne bis hinten springen die Fans und bejubeln die Band. Der ist Partyfaktor hoch und das Quartett geht mächtig ab.

Die Senkrechtstarter AIRBOURNE versammeln eine gewaltige Menge Leute vor der True Metal Stage. Mit 'Raise The Flag' und 'Born To Kill' startet eine amtliche Rock'n'Roll-Sause, bei der vorne weniger geschubst und mehr getanzt wird. Die vier Musiker feiern wie immer eine große Party auf der Bühne und weil Rampensau Joel O’Keeffe sich schlecht zu jedem einzelnen Becks-Bierstand tragen lassen kann, um dort ein Gitarrensolo zu spielen, klettert er einfach das Gerüst bis oben hoch. Die Fans jubeln jetzt noch mehr und feuern die Band weiter an. Mit 'Bottom Of The Well' bringen sie das vorläufige Highlight des Auftrittes, um anschließend mit 'Cheap Wine & Cheaper Women' und 'Girls In Black' das "schönere Geschlecht" zu besingen, das ausnahmsweise mal zahlreich vertreten ist. Spätestens bei 'Too Much, Too Young, Too Fast' singt auch der Letzte mit und mit 'Stand Up For Rock'n'Roll' erreicht die Feier den Zenit. Die Australier legen einen wie immer starken und anstachelnden Auftritt hin, bei dem sie eine gute Mischung ihrer beiden bisherigen Alben spielen.

Der erste lange Tag nähert sich dem Ende: Was mit ENSIFERUM zur Mittagsstunde begann, endet mit APOCALYPTICA um 2 Uhr morgens. Die Lichtshow ist mal wieder beeindruckend, lässt sie die drei Cellisten und den Schlagzeuger doch nur für wenige Sekunden erscheinen. Die Finnen geben viele METALLICA-Cover zum Besten – schließlich sind sie damit einst berühmt geworden. Die Band wirkt ausgeschlafen und bestens gelaunt und zieht das Publikum das ganze Konzert über in ihren Bann. Diese werden jedoch langsam müde und verlassen nach und nach während des Auftrittes das Festivalgelände. Schade! APOCALYPTICA muss man einfach früher auf die Bühne lassen.